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Paradox: Immer mehr Bahntrassen werden grün, immer mehr Vorgärten grau

Paradox: Immer mehr Bahntrassen werden grün, immer mehr Vorgärten grau

Früher war das Gleisbett einer Straßenbahn zumeist mit Schotter angefüllt oder mit Asphalt versiegelt. Seit einigen Jahren hat hier ein Umdenken stattgefunden und immer mehr Bahntrassen im urbanen Raum werden mit Gräsern oder Sedumpflanzen begrünt. Das hat gute Gründe, wie das Grüngleisnetzwerk, ein Zusammenschluss von Unternehmen, Verkehrsbetrieben und Forschungseinrichtungen, in seinen Publikationen aufzeigt: Zum einen kann der Niederschlag bei begrünten Flächen ins Grundwasser einsickern und belastet so nicht unnötig die Kanalisation, zum anderen wird ein Großteil auch im Erdreich gespeichert und dann durch Verdunstung über Pflanzen und Vegetationsschicht an die Luft abgegeben. Vor allem in den heißen Sommermonaten hat das einen positiven Effekt auf die Umgebungstemperatur: Bei der Verdunstung von nur einem Liter Wasser können beispielsweise 200 Kubikmeter Luft von 30 auf 20 Grad Celsius abgekühlt werden. Aufgrund ihrer Farbe und Oberflächenstruktur heizen sich Schotterflächen hingegen bei intensiver Sonneneinstrahlung im Tagesverlauf stark auf. In der Nacht wird die Wärme dann langsam wieder abgestrahlt, so dass es in der unmittelbaren Umgebung kaum zu einer Abkühlung kommt.

Urbane Belastungsfaktoren

Auch Lärm und Feinstaubbelastung sind Umweltbeeinträchtigungen, denen man mit mehr Grün in den Städten begegnen will. Je kleiner die Staubpartikel und die daran anhaftenden Stoffe sind, desto höher ist das Gesundheitsrisiko für den menschlichen Organismus. Atmen wir sie ein, können sie über die Lunge in den Blutkreislauf gelangen. Herz-Kreislauferkrankungen sind häufig die Folge. Während der Staub auf versiegelten Oberflächen nicht fixiert wird und immer wieder aufwirbelt, hilft Pflanzenbestand dabei, die Schadstoffe zu binden und die lokale Konzentration zu verringern. Über die Blattoberflächen werden einige von ihnen verstoffwechselt bzw. akkumuliert, beispielsweise Kohlenmonoxid oder Kohlenwasserstoffe. Ein Teil gelangt auch mit dem Niederschlag in den Boden und wird dort von den Wurzeln aufgenommen. – Auch Lärm kann krank machen. Dass es in unseren Städten häufig so laut ist, liegt übrigens nicht nur an den zahlreichen Emissionsquellen, sondern auch an den vielen versteinerten, schallreflektierenden Oberflächen. Unversiegelte Bereiche und vor allem Pflanzen wirken hingegen der ungehinderten Ausbreitung des Schalls entgegen.

Es gibt also eine Vielzahl an Aspekten, die dafür sprechen, mehr Pflanzen in die Städte zu bringen und auch Flächen wie Bahntrassen von Steinen und Asphalt zu befreien und stattdessen zu begrünen. Erstaunlicherweise kann man im direkten Wohnumfeld vieler Menschen derzeit allerdings eine genau entgegengesetzte Entwicklung beobachten. Wuchsen früher vor vielen Häusern noch Stauden, Bäume und Hecken, so gibt es heute immer mehr Vorgärten, die komplett versiegelt sind oder mit Kies- und Schotteraufschüttungen angelegt wurden, in denen maximal das ein oder andere immergrüne Formgehölz zu finden ist. „Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten. Und jeder sollte den Platz vor dem eigenen Heim so gestalten, wie er möchte“, sagt Lutze von Wurmb, Präsident des Bundesverbandes Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (BGL) e.V.. „Dennoch haben wir vor zwei Jahren die Initiative ‚Rettet den Vorgarten‘ ins Leben gerufen, weil sich viele Menschen der positiven Wirkung der kleinen Grünflächen vor der eigenen Haustür – die zusammen mit denen der Nachbarn ja eine große ergeben – gar nicht bewusst sind. Und das sind nicht unbedingt nur Lärmreduktion, Feinstaubbindung oder Verminderung der Wärmebelastung … Geht man einmal durch Neubaugebiete, in denen mittlerweile häufig in ganzen Straßenzügen vor den Häusern Steinflächen dominieren, wird man schnell feststellen, dass hier nicht nur das Klima, sondern auch die Atmosphäre eine andere ist. Ganz abgesehen davon, dass es in einer solchen Umgebung für Vögel und Insekten keinen Lebensraum mehr gibt.“
BGL

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